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Krieg_7572 Auch Kriegsszenen hielt der französische Soldat fest.

Der Kriegsgefangene, der die Oberpfalz malte

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Thanstein. Ein Ehepaar aus Toulouse ist auf der Spurensuche nach ihren Eltern. In einer zehntägigen Tour besuchte Marie-José, geborene Vergnes, und ihr Ehemann Wladislaw Panarin Orte, an denen Eltern und Verwandte während des 2. Weltkrieges lebten. Begleitet wurden sie von der Dolmetscherin Josette Arvieu, die wertvolle Dienste bei den einzelnen Treffen leistete. Bei ihrer Recherche besuchten sie Nürnberg, Neunburg, Thanstein, Dautersdorf, Nyrsko (Tschechien), Melk (Österreich) und Ulm bevor es zurück nach Toulouse (Frankreich) ging. Von beiden waren der Vater in Deutscher Gefangenschaft.

Ihr erster Besuch war das Dokumentaitonszentrum im Nürnberger Reichsparteitagsgelände. Dort sind bei einer Ausstellung, die bis Februar 2020 geöffnet ist, Werke von Vergnes zum Thema Gefangenschaft, Massenmord und Zwangsarbeit betrachtet worden. Der junge Künstler malte als Kriegsgefangener in mehreren oberpfälzer Orten beeindruckende Werke, die erst vor kurzer Zeit endeckt wurden. André Vergnes war zwei Jahre in der Gemeinde Thanstein im ehemaligen Schloss als Kriegsgefangener untergebracht und der Familie Elsner auf der Thannmühle zugeteilt.

In der Verwaltungsgemeinschaft Neunburg v. Wald empfingen Bürgermeister Walter Schauer und mehrere geschichtlich versierte Personen die französichen Gäste. Der erste Kontaktbrief des Ehepaares erfolgte im Mai 2018 an den Thansteiner Bürgermeister. Dabei schilderten das Ehepaar Panarin den Fund einer großen Anzahl von Werken des Vaters André Vergnes. In einem Buch mit dem Titel „ENTRE STALAG ET KOMMANDO" ist die Zeit von Juni 1940 bis 1945 zusammen gefasst und wurde im Verlag Editions Sutton, Tours herausgegeben. Darin wurde besonders das bewegte Leben als Kriegsgefangener illustriert. Aber auch herrliche Landschaftsbilder, das bayerische Bauernleben, Freizeitaktivitäten, Stadtkulissen, Tiere, Kalender- und Kirchenmotive, sowie Kriegsschauplätze wurden vom Künstler dargestellt.


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Theo Männer, Herbert Männer, Gertrud Stadlbauer und Otto Reimer haben sich der Sache angenommen und führten umfangreiche Recherchen und Übersetzungen durch. Ihre Freude war besonders groß, als sie die einmaligen original Exponate beim Besuch sehen konnten. Bürgermeister Walter Schauer stellte die Gemeinde Thanstein und ihre Geschichte vor. Er freute sich über das Buch und hoffte, den französichen Gästen möglichst viele Orte, an denen Ihr verstorbener Vater gelebt, gearbeitet und gemalt hat, zu zeigen.

"Dabei werden uns wieder die Folgen von Krieg und Gefangenschaft bewusst", so Schauer. Die früheren Erzfeinde Frankreich und Deutschland sind Freunde geworden und Wegbereiter für ein vereintes Europa. Beim Eintrag ins Gästebuch der Gemeinde bedankte sich das Ehepaar für die umfassende Unterstützung bei ihren Recherchen und überreichte ein Geschenk des Bürgermeisters von Toulouse.

Nach einer Stadt- und Museumsführung mit Theo Männer in Neunburg wurden am zweiten Tag Thanstein besichtigt. Herbert Männer führte durch das alte Schloss, in dem die Gefangenen untergebracht waren. Mehrere Schauplätze, die Vergnes festgehalten hatte, wurden dabei mit den Bildern aus dem Buch und den Tagebüchern verglichen. Nach der Kirchen und Burgführung durch Otto Reimer traf sich die Delegation zum Mittagessen im Gasthaus Träxler. Dort konnte sich Anton Träxler noch gut an die Gefangenen erinnern, die jeweils in der Gastwirtschaft das Essen einnahmen. 


Die Gäste bei der Schloßbesichtigung von Herbert Männer in Thanstein.

Am Nachmittag wurde die alte Tannmühle besucht. Dort erinnerte sich Maria Elsner noch gut an den liebenswerten und freundlichen Kriegsgefangenen „Andres", wie sie ihn nannte. Beim Thanmühlner, dem er zugeteilt war, hat er sich mit einem schönen Aquarell in Erinnerung gehalten. Nach dem Austausch mehrerer Geschenke stand am Ende fest, dass dies sicherlich nicht das letzte Treffen sein wird. Es wurde sogar eine Ausstellung der Exponate angeregt.

Von seiner Kriegszeit brachte der Soldat eine Fülle von Zeichnungen, Aquarellen, Gouachen und Skizzen in seine französiche Heimat zurück. Viele Jahre schlummerten sie in seinem Atelier, bevor sie von Tochter und Schwiegersohn der Öffentlichkeit zugängig gemacht wurden.

Schwiegersohn Wladislaw Panarin, ehemaliger Berufsschuldirektor, wurde am Ende des Krieges in Regensburg geboren und reiste später nach Lyon aus. Seine Mutter, eine Byzantinerin, war eine russische Spionin auf der Krim. Glückliche Umstände halfen ihr, in ihrer Gefangenenschaft bei einem deutschen Offizier zu überleben. Sein Vater, ein vertriebener russischer Kosake, trat in die Wlassow-Befreiungsarmee ein. In Nyrsko (Tschechien) geriet sein Vater in deutsche Gefangenschaft. Auf der Flucht der beiden wurde Wladislaw in Regensburg geboren. Auf der geschichtlichen Reise besuchte das Ehepaar auch mehrere Stationen seiner Eltern.


Die französichen Gäste Josette Arvieu, Wladislaw Panarin, Marie-José Panarin (v. links) beim Eintrag ins Gästebuch von Thanstein.
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