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Bayerwald-Zauber und Harvester-Horror: TSV-Radler im Herbst-Abenteuer

3 Mittagsrast im romantischen Wald.

Ostbayern/Nittenau. Christina und Martin Rudhart verbrachten Ihren Herbst-Urlaub auf dem Mountainbike mit 462 km und 10.600 Höhenmetern in 8 Tagen. „Erkunde endlose Wälder, mächtige Bergrücken und sanfte Kuppen"! Das ist das Motto der neu geschaffenen „Trans-Bayerwald-Tour" für Mountain-Biker. Sie wurde vom Tourismusverband Ostbayern 2018 eröffnet. Die Beschilderung wurde im Frühjahr 2019 abgeschlossen.


Analog zum bekannten Alpen-Cross sollte eine Alternative durch „Klein Kanada", die größte Waldlandschaft Mitteleuropas, geschaffen werden. Sie ist aber weit mehr! Die Tour hat ihren ganz eigenen Charakter in einer wunderschönen Landschaft.

In jeweils 7 Etappen geht es entweder auf der Nord-Route entlang der tschechischen Staatsgrenze von Passau nach Furth im Wald oder in umgekehrter Richtung entlang dem Donaukamm.

„Entdeckt" haben Christina und Martin Rudhart die Tour auf der Ostbayernschau in Straubing. Sofort war der Entschluss gefasst: „Das fahren wir heuer noch!"

Gesagt … getan … der Urlaub wurde sofort geplant. Allerdings spielte das Wetter nicht mit. Auf Grund von wochenlangem Regen musste der Start verschoben werden. Außerdem hatte eine hartnäckige Grippe das Abenteuer bis zum letzten Tag in Frage gestellt.


Tourenkarte (Ausschnitt der offiziellen Internetseite www.trans-bayerwald.de), Tourismusverband Ostbayern e.V.

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Gepäck-Transfer zu chartern war nie ein Thema. Natürlich wurde alles Benötigte selbst im prall gefüllten Rucksack mitgenommen.

Das Wetter zeigte sich dann durchwegs doch von seiner guten Seite: Ein toller „goldener Oktober" mit fast immer Sonnenschein! Nur der üblichen Frühnebel brachte Temperaturen herunter bis 3°C mit sich.

ABER: Der viele Regen im Vorlauf hatte die Strecke aufgeweicht. Viele Kilometer waren so eine absolute Schlammschlacht mit maximalem Kraftaufwand, auch wenn es hieß: „ Es geht ja nur noch abwärts".

Gewählt haben die beiden Nittenauer eine Süd-Runde mit 8 Etappen. Diese verbindet die Nord- und Südroute über eine Quertrasse zu einem Rundkurs. Zum einem entfällt dadurch eine Rückfahrt per Zug und zum anderen waren große Teile der Etappen im vorderen bayerischen Wald bereits von vielen Tagestouren bekannt.


Farbenfrohe Landschaft mit drohenden Wolken.

1 Die erste Etappe war gleich eine der konditionell anspruchvollsten: Gestartet sind die beiden Nittenauer in Waldkirchen. Der zweite lange Anstieg des Tages zum Dreisessel-Gipfel mit 1333 m Höhe hatte es in sich. Die atemberaubende weite Aussicht entschädigte aber allemal für die Strapazen. Außerdem ließ der Blick in die tschechische Šumava die steife Gipfelbrise vergessen. Anschließend ging es auf anspruchsvollen Trails über den Berggasthof Dreisessel wieder ins Tal. Das Thema Grenze spielte auf dieser Etappe im Dreiländereck Bayern-Böhmen-Oberösterreich eine besondere Rolle. Ein Abstecher zum Aussichtsturm auf dem Haidel brachte zusätzliche Höhenmeter, bevor es weiter über Philippsreut zum Tagesziel Mitterfirmiansreut ging. Am Ende des Tage standen fast 2000 Höhenmeter und 65km auf dem Tacho.

2 Die 2. Tagestour führte vorbei am Freilichtmuseum Finsterau weiter auf stillen Waldwegen durch die neu entstehende Wildnis des Nationalparks Bayerischer Wald. Das Nationalparkzentrum Lusen mit seinem Tier-Freigelände und dem Baumwipfelpfad war dem Ehepaar ein kurzer Abstecher wert. Weiter führte die Tour vorbei am Stausee Großarmschlag nach Spiegelau. Kurz vorm Ziel musste jedoch auf abenteuerliche Weise eine frische Totalrodung „über Stock und Stein" durchquert werden.


Am Trinkwasserspeicher Frauenau.

3 Am folgenden Tag führte der Trail bei Frauenau zur bekannten Talsperre, die als Trinkwasserspeicher dient. Bei einer Einkehr im Biergarten im Schloss Oberfrauenau teilten sich die Rudharts einen Tisch mit netten Wanderern aus Stuttgart. Diese sollten sie dann am Folgetag nochmals per Zufall auf der Strecke treffen. Hinter Buchenau ging es wieder in die Nationalparkwälder. Das nahegelegene Nationalparkzentrum Falkenstein mit Tier-Freigelände lud zu einem weiteren Abstecher ein. Die Etappe endete im ältesten Wirtshaus des bayerischen Waldes in Zwieslerwaldhaus – sehr urig! Im romantisch gelegenen Schwellhäusl, das ein beliebtes Ausflugsziel ist, war leider bei der Ankunft der beiden Nittenauer bald Feierabend.

4 Deshalb haben die zwei diesen Abstecher am folgenden Tag zum Frühschoppen wiederholt. Anschließend ging es auf dem Mountainbike-Radweg "Arberland-Runde" Richtung Bayerisch Eisenstein.

Leider zweigte die gewählte Route kurz vor dem Arber wieder Richtung Süden ab. Die Quertrasse verbindet auf ca. halber Höhe die Nord- mit der Süd-Route. Vorbei an den Orten Zwiesel, Bodenmais und Regen über den schwarzen Regen mündet die Strecke in die 4.Etappe der Süd-Route ein. Der Aussichtsturm Langdorf bot erneut einen schönen Ausblick für die beiden Genießer.

Als kleines Gimmick sauste eine Regionalbahn kurz vor den Radlern quer über den Waldweg ohne Schranke oder irgendeinem Warnsignal: „Kaum zu glauben!"

Das Erreichen des Etappenziels Bischofsmais war erneut ein Abenteuer! Die letzten Kilometer „bergab" waren von tiefem, sehr kräfteraubendem Morast geprägt. Das Highlight war dann auf dem Querweg zur Unterkunft ein komplett gerodetes Waldstück, das den Weg unter sämtlichen gefällten Baumstämmen und -ästen begraben hatte! Statt dem geplanten gemütlichen Einrollen gab es eine Querfeldein-Durchschlagübung! Aber gerade das machte die Tour einzigartig und unvergesslich.

5 Tag 5 mit Ziel Fürstenstein bot eine abwechslungsreiche Mischung aus moderaten Abschnitten, anspruchsvollen Trails und steilen Anstiegen. Erneut konditionell sehr fordernd, entschädigten viele landschaftliche Highlights und der größte Single-Trail-Anteil. Nach dem Bischofsmaiser Wald ging es zum Ruselabsatz und von dort hinab ins Lallinger Tal. Den höchsten Berg dieser Etappe, den Brotjacklriegel, hatten die beiden schon von weitem im Blick. Durch den Sonnenwald und mit Blick ins Donautal ging es weiter nach Eging am See. Abseits der eigentlichen Tour fanden die beiden Abenteurer in Fürstenstein eine wunderschöne Unterkunft. Dort wurden sie auch auf Grund des Vereins-Trikots spontan von einem Gast angesprochen, der regelmäßig in Nittenau seiner Anglerleidenschaft nachgeht. Solche Begegnungen wiederholten sich während der gesamten Rundfahrt vier Mal. 

6 Die folgende Etappe ist eigentlich die letzte der Süd-Route mit Ziel im „Venedig Bayerns", der Dreiflüssestadt Passau. Da sie konditionell nicht recht fordernd war, beschloss das Paar entlang der Donau weiter nach Erlau zu radeln. Zuvor war jedoch ein Besuch der historischen Altstadt und dem Denkmal des berühmten Vorfahrens der Familie eine schöne Unterbrechung – natürlich mit kurzer Einkehr im Biergarten.

7 Der am 7. Reisetag als idyllische Fahrt am Bachlauf der Erlau beschriebene Weg entpuppte sich bald als abenteuerlicher Steig, der eher für Wanderer geeignet ist. Steile Anstiege und Tragepassage mit Bach-Überquerungen über gesperrte (!) Holzbrücken trieben den Puls der beiden Mountainbiker zeitweise nach oben. Nach glitschen Steinpassagen ging es weiter bergauf über Waldpfade und schließlich entlang des Aubachs, wobei das am Weg gelegene Graphitbergwerk und -museum oder das Granitzentrum die Wurzeln des Bayerischen Waldes beschrieben. Das eigentliche Etappenziel Wegscheid ließen die beiden TSV Radler noch zu Gunsten eines Ausflugs ins benachbarte Österreich hinter sich. Die Unterkunft in Kollerschlag war die zusätzlichen Kilo- und Höhenmeter allemal wert!

Leider war ein wegen Schneebruchs seit langem unpassierbares Teilstück, das total begraben war, zu spät gekennzeichnet. Christina und Martin entschlossen sich lieber fürs Abenteuer, statt die weitläufige Umfahrung in Kauf zu nehmen. In steilstem Gelände mussten sie sich über und vorbei an unzähligen Baumriesen und Bruchteilen mit den Rädern durchkämpfen. Eine echte Abwechslung, diese zeitraubende Durchschlag-Übung über ca. einen Kilometer.

8 Die letzte Tagestour war gewohnt abwechslungsreich und die mit den meisten schönen Ausblicken in die weite wilde Natur. Ein Highlight ist die Auf- und Abfahrt sowie die zugehörige Aussicht am Friedrichsberg bei Thalberg und ein kurzer Abstecher zum Aussichtsturm am Oberfrauenwald.

"Das war ein gigantischer Abschluss mit allem, was Mountainbiker lieben: schöne Trails und weite Ausblicke, und das alles bei schönstem Sonnenschein und strahlen bunter Herbstfärbung!"

Bei der Ankunft am Startpunkt waren die Gefühle gemischt: Glücklich darüber, eine konditionell sehr anspruchsvolle Tour trotz vieler Widrigkeiten geschafft zu haben; und traurig darüber, dass man nun die absolute Stille des traumhaften Bayrischen Waldes hinter sich lassen muss.

Die Auswertung der Aufzeichnungsgeräte ergab letztendlich eine zurückgelegte Strecke von 462 km mit 10.600 hm in 8 aufeinanderfolgenden Tagen, und das alles mit eigener Kraft ohne Motor-Unterstützung!

Das Sitzfleisch war in vielen Trainingsausfahrten beim TSV Radsport gut trainiert und hatte keinerlei Probleme gemacht. Außer 2 in Einzelteile zerlegte Ausrüstungsgegenstände, die vermutlich im Matsch untergingen, blieben die Radler von Pannen und Verletzungen verschont.

Motto der „Veranstalter" ist „Natur – Natur belassen". Das ist voll im Sinne der beiden TSVler. Aber so farbenfroh und empfehlenswert der goldene Herbst auch ist: Es ist Erntezeit im Forst! „Ich habe nie an einem Tag soooo viele (Baum-)Leichen gesehen."

"Ohne Rücksicht auf Verluste wird Holz gemacht! Wege werden unpassierbar durch die mittlerweile im Forst unabdingbaren Harvester und tonnenschweren Lastwägen. Dafür werden leider sehr viele Pfade zu Waldautobahnen ausgebaut! Zig-Tausende von Tonnen Schotter begraben mittlerweile die Waldwege! Selbst einheimische „Gassi-Geher" verlassen die angestammten Wege, weil sie für Wanderer und Radfahrer durch die Menge an übergroßem Schotter mehr als unkomfortabel geworden sind! Das sind ja Bahntrassen, aber keine Naturwege mehr!"

„Natur – Natur belassen": D. h. auch, dass da, wo frisch Holz gemacht wurde, die Resthölzer und Äste teils bergeweise auf der Route liegen bleiben. Aber auch gerade das macht den Charakter der Trans-Bayerwald-Tour aus: Natur und Wildnis pur!

Fazit der Nittenauer Radler: Gratulation und Dank an die Initiatoren: Eine tolle Abenteuertour vor allem im matschigen Herbst, belohnt mit erholsamer Zweisamkeit mit unendlicher Ruhe in einer sehr ursprünglichen Landschaft. Mit „echten" Bayerwaldlern, die von Kindesbeinen an sehr freundlich und offen sind, und jeden mit „griaß eich" freudig begrüßen!

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