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Wolfgang Ambros: Tiefe Einblicke im Kurier-Interview

Posted On Montag, 01.12.2014 - 10:55 Von
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Wenn man an Austro-Pop denkt, kommt einem automatisch der Name Wolfgang Ambros in den Sinn. Gleich seine erste LP „Alles andere zählt net mehr“ (1972) enthielt den Riesenhit „Da Hofa“. Von da an ging es ständig bergauf. Lieder wie „Schifoan“ oder „Blume aus dem Gemeindebau“ sind fast zu Volksliedern geworden, welche das Publikum eines Konzerts lauthals und textsicher mitsingt. Die Lieder von Ambros machen glücklich. Aber er hat auch jede Menge Songs geschrieben, die mit ihren tiefgründigen Texten zum Nachdenken anregen. Klaus Kaschel traf den österreichischen „Volkssänger“ vor seinem Auftritt in Burglengenfeld in der Oberpfalz, die ihn von ehrlichem Herzen liebt. Ambros erwies sich trotz einiger Nackenschläge in letzter Zeit als freundlich, tiefgründig und auskunftsfreudig. Und auch seinen Humor hat er nicht verloren.

 

 

„Ich wollte dieses Geschepper und Gekrache nicht mehr haben“

 

Frage: Wir sind hier in Burglengenfeld und da muss man natürlich an das große Anti-WAA- Festival (1985) erinnern. Übrigens habe ich Dich dort zum ersten Mal live gesehen. Was verbindest Du mit deinem Auftritt dort?

 

Ambros: Nur Gutes. Es war schon ein Problem zum Lanzenanger zu gelangen, weil die Polizei uns gefilzt hat bei der Anreise. Wegen Drogen? – Ich weiß es nicht. Auf dem Gelände war eine Verbrüderungsstimmung sondersgleichen. Jeder ist jedem fast um den Hals gefallen. Auf der Bühne war es natürlich ein Erlebnis, denn so viele Leute habe ich vorher und nachher nie mehr gesehen „auf einem Haufen“. Wir haben, glaube ich, ganz gut gespielt. In der Folge hat uns jeder erwähnt, der darüber geschrieben hat: Dass unser Auftritt ein Highlight gewesen sei. Die entstandenen Mitschnitte auf LP und im Film haben mir auch sehr gut gefallen.

 

Frage: Dein Lied „Weiß wie Schnee“ hat mich damals sehr berührt. Und auch jetzt, wenn ich es auf Platte höre, heben mich Text und Melodie aus dem Alltag. Das Lied muss auch für Dich wichtig gewesen sein, weil die ganze LP danach benannt ist!

 

Ambros: Na ja, es war natürlich zweideutig, auch wenn wir das damals abgestritten haben. Es war halb und halb eine Hommage an … diese … Droge. Wir Musiker waren damals der Meinung, dass Kokain die Wahrheit zu Tage bringt. Was natürlich Blödsinn ist, wie wir in der Folge herausgefunden haben. Aber in dem Lied geht es in erster Linie um die Wahrheit selbst. Nur sie ist unschuldig und weiß wie Schnee sozusagen.

 

LETZTE CD

 

Frage: War „190352“ von 2012 ein Geburtstagsgeschenk an dich selber oder eine Liebeserklärung an deine Frau, besonders wenn man an den Titel „Sie“ denkt?

 

Ambros: Das war es damals , ja. Und auch an meine Zwillinge im Song „Vier blaue Augen“. Das war mir ein Anliegen.

Wichtig war mir bei der ganzen Sache, eine neue Art von Produktionsmethode, die altersadäquat ist. Ich wollte dieses Geschepper und Gekrache nicht mehr haben. Sondern ein feines Album machen, das in jeder Hinsicht durchkonzipiert ist. Das ist, finde ich, ganz gut gelungen.

 

Frage: Darum hast Du wahrscheinlich junge Musiker herangezogen.

 

Ambros: Auch junge Produzenten. Einer von ihnen, Roland Vogel, ist ja heute als dritter Mann dabei. Er war derjenige, der das unbedingt machen wollte. Meine eigentliche Band fand das alles zu unausgereift und unausgegoren. Roland und ich haben die Rohentwürfe der Songs zusammen fertig gestellt, so dass es gepasst hat.

 

Ich habe schon hunderte unfertige Sachen aufgenommen. Die zum Teil auch sehr amüsant waren. Als ich jung war, war das okay. Heute finde ich es nicht mehr in Ordnung, und deshalb habe ich mir lange Zeit gelassen für 190352.

 

Frage: Steckt beim Titel „Geh zurück zu deinem Mann“ auch eigenes Erleben von Wolfgang Ambros drin?

 

Ambros. Na ja, den Song hat der Joesi Prokopetz geschrieben. Aber ich habe ihn mir ausgesucht, also ist es dementsprechend unser beider „Verdienst“, dass es auf der Platte enthalten ist …… (lacht herzhaft).

 

Frage: „Regenbogen“ ist von Dzikowski / Koller / Danzer geschrieben. Ich nehme an, dass es ein älterer Song ist.

 

Ambros: Das ist ein Lied, das der Georg Danzer irgendwann geschrieben hat. Er hat’s dem Peter Koller überlassen und bei dem ist es in irgendeiner Schublade verschwunden. Auf der Suche, was man auf 190352 machen kann, kam das Lied wieder zutage. Ich fand, es ist ein Lied von Georg, das ziemlich alles beinhaltet: Seinen damaligen Lebenswillen, den er bis zuletzt an den Tag gelegt hat. Und auch diese Ahnung (ANM.: vor dem Tod), die man auch schon spürt.

 

Frage: „Ausg’lacht“ stammt laut Booklet von einem gewissen „Randall Edwin Van Warmer“. Ein toller Name, aber den kenne ich nicht als Musiker.

 

Ambros: Das ist ein Holländer, der es geschrieben hat. Er war in den 70-ern eine Zeitlang recht populär. Der Song ist in Vergessenheit geraten und erst als ich die Fassung von Dolly Parton hörte, war ich von dem Song so angetan, dass ich das Lied auf jeden Fall können wollte.

 

Frage: Und wie heißt Partons Song?

 

Ambros. „Just when I needed you most“.

 

Frage: Ach so, ja das ist der Hit von R a n d y V a n w a r m e r.

 

Ambros: Die Titelzeile war mir zu sperrig und ich habe getextet: „Doch Du hast mi nur ausg’lacht“, wenn ich Dich wirklich gebraucht hätte.

 

1978 Ambros sings Dylan

 

Frage: Auf der LP „Wie im Schlaf“ (1978) hast Du eher seltene Stücke von Dylan ausgesucht und interpretiert. Nach welchen Gesichtspunkten bist Du vorgegangen?

 

Ambros: Schwer zu sagen. Später habe ich ähnliche Sachen gemacht: Songs von Tom Waits und auch Lieder von Hans Moser neu interpretiert. Beide Projekte sind mir mehr oder weniger nahe gelegt worden. Dylan war meine Idee. 1978 war ich mit meiner Band gerade auf dem Sprung nach Deutschland. Wir hatten dort schon diverse Konzerte gespielt, aber mit Dylan hat’s dann richtig angefangen. Die LP hat wie ein Donnerschlag gezündet. Deshalb bin ich so bekannt bei euch. Ich bin froh, dass es so gut geklappt hat, aber während der Produktionszeit gab es viele Zweifler, die gemeint haben: „Das klappt nie“. Aber das Gegenteil ist eingetreten.

 

Frage: Ist da eigentlich eine Rückmeldung von Dylans Management gekommen. Vorher musstest Du ja wahrscheinlich die Erlaubnis einholen.

 

Ambros: Na na, das lief über den amerikanischen Musikverlag. Das ist immer das gleiche Prozedere: Das muss von der Übersetzung rückübersetzt werden Wort für Wort ins Englische. Nicht von mir, sondern von jemandem vom Verlag. Dann bekommt man die Zusage, wenn sie zufrieden sind. So lief das!

 

Großartige Songs

 

Frage: Ich finde, dein zweitbestes Lied nach „Weiß wie Schnee“ ist „Fremdenlegionär“. Was gibt’s dazu zu sagen?

 

Ambros: Ich war in Algerien in der Wüste, in einem ziemlich primitiven Camp im Nirgendwo. Da gab es um 4 Uhr in der Früh einen untergehenden Mond, der aussah wie ein rotes Fallbeil. Ich bin einfach in die Wüste reingegangen und habe mich gefühlt, als wäre ich mitten im Krieg. Ich habe mir vorgestellt: Ich werde beschossen und schieße zurück. Ich bin dann sofort zurück, die Sonne ist aufgegangen und ich schrieb das Lied bis zu zum Frühstück ….. (lacht).

 

Frage: „Für immer jung“ ist d a s Lied von Rockmusikern für Rockmusiker und auch ihre Hörer. Weil die alle nicht alt werden wollen.

 

Ambros: Wer will schon alt werden, sonst wäre er ja pervers.

 

Frage: Viele dämmern aber ihrem Ende entgegen. Sie haben oft mit 50 / 60 Jahren keinen Elan mehr und interessieren sich für nix mehr. Ich finde, Leute, die Rockmusik hören, haben immer noch eine gewisse Power – Rockmusiker sowieso. Schau Dir Keith Richards an.

 

Ambros: So lange sie es halt „dermachen“ und solange sich die Musiker halbwegs „bei der Stange halten“ und sich zusammenreißen, denn der Versuchungen sind viele …. (lacht).

 

Frage: Sex, Drugs und Weizenbier – ich weiß Bescheid ……. (Lachen).

 

Ambros: Jeder Rockmusiker, auch der Schlagersänger, hat so seine Erfahrungen gemacht.

 

Frage: Allerdings gaukelt der Schlagersänger eine heile Welt vor, während ein guter Pop- oderRocksänger sich und seine Umwelt reflektiert.

 

Ambros: Und der Herr Schlagersänger geht aufs Klo und zieht sich „seine Nase rein“ ….. (lacht herzhaft).

 

Frage: „I wui frei sein“ ist sicher dein Lebensmotto!

 

Ambros: Stimmt, das ist mein Motto. Und ich habe es geschafft frei zu sein. Dass ich nicht mehr wollen m u s s, sondern ich habe mein Ziel verwirklicht.

 

Frage: In deinem Lied „Der Sinn des Lebens“ heißt es: „…. frei zu sein“.

 

Ambros: Nein, es heißt: „stärker zu sein“.

 

Das ist oft falsch verstanden worden, vor allem damals, als ich es veröffentlicht habe. Viele meinten: „Wos denn, nur die Starken gewinnen? Nur die Starken verdienen es, dass sie einen Lebenssinn für sich beanspruchen?“ Nein, man muss stärker sein als man selber. Und stärker als die Versuchungen, die einem entgegenspringen. Auch in Momenten des Loslassens und nicht mehr Wollens und Aufgebens; wenn man da weitermacht: Das beweist Stärke und ist der Sinn des Lebens.

 

Stationen

 

Frage: LONDON war für Dich als junger Mensch sehr wichtig.

 

Ambros: Ja, dort habe ich mehr als ein halbes Jahr verbracht. Bis ich darauf gekommen bin, dass mein Visum schon längst abgelaufen ist. Ich bin quasi in Nacht und Nebel geflüchtet. Es hatte noch andere Gründe: Ich hatte eine Freundin, mit der ist es nicht mehr gelaufen. Außerdem war die Sehnsucht da nach Hause zu kommen – zu meiner Mama ….. (lacht). Ich wollte wieder festen Boden unter die Füße bekommen. London ist keine Stadt, in der man herzlich aufgenommen wird.

 

Frage: Der Krieg war ja auch noch nicht lange vorbei!

 

Ambros: Das hat keine große Rolle gespielt. 1970 war die Zeit, als Pakistani in Scharen v.a. nach London eingereist sind. Der Durchschnitts-Londoner war überrumpelt von dieser Einreisewelle von Leuten aus den ehemaligen Kolonien, die den englischen Pass hatten oder bekommen haben.

 

Frage: Nächste Station BELIZE!

Ambros: Das war eine Station einer langen Reise, wo ich mich hauptsächlich in Mexiko aufgehalten habe. Dann fuhr ich durch Guatemala durch den Dschungel nach Belize und fand einen Platz. Dort war es genau so, wie in dem Lied beschrieben. Dabei ist kein Wort gelogen.

 

Frage. GRIECHENLAND !

 

Ambros: War und ist meine zweite Heimat geworden. Dort fahre ich mindestens einmal im Jahr hin. Ich habe mein Boot immer noch dort; mein Haus nimmer. Das hatte ich mit einem Freund zusammen, aber der wollte dann nicht mehr. Meine neue Unterkunft ist für mich wunderbar; die teile ich mir mittlerweile mit meinem Sohn. Er war fast 15 Jahre nicht mehr dort, obwohl er ab dem 1. Lebensjahr dort aufgewachsen ist jeden Sommer. Zusammen mit den anderen Kindern, die in Petraki waren. Mittlerweile sind sie verstreut, aber jeder von ihnen weiß, was der andere macht. Der eine ist in Australien, der andere in England, der andere in den USA. Die wissen haargenau, wer wo was macht. Das ist wie eine Art Loge ….. (lacht).

 

Pläne

 

Frage: „190352“ erschien 2012. Gibt es neue Pläne?

 

Ambros: Es gibt Aufnahmen von meinen früheren Liedern, die sind vielschichtig, die kann man auf verschiedene Weise interpretieren. Das heißt: Da ist ein weites Feld, das mich und Günther Dzikowski noch Jahre beschäftigen kann. Um ehrlich zu sein: Um neues Material, das es durchaus gibt – Ich schreibe immer etwas. Das verschwindet halt in der Schublade – in der Qualität zu produzieren wie „190352“, das ist eine Heidenarbeit. Es hat keinen Sinn: Man müsste etwas Neues erfinden. Dazu sehe ich mich außer Stande. Ich kann nur mein eigenes Ding weiterentwickeln o d e r ein Weltsuperstar sein, wie sagen wir mal Robbie Williams, auf dessen neue CDs sich alle stürzen. Auf mich stürzt sich niemand. Heutzutage verkaufen Musiker keine Platten mehr.

 

„190352“ kennen 100.000 Leute – da wette ich mit Dir – aber das haben die Leute heruntergeladen. Davon hat die Plattenfirma nix, davon habe ich nix. So versessen, mich immer wieder zu äußern oder gar zu beweisen, bin ich nicht mehr.

 

Das Programm, dass Günther und ich heute spielen, gibt es in dieser Form das letzte Mal. Danach wird das Ganze peu a peu bis Weihnachten komplett erneuert. Und im nächsten Jahr gibt es ein neues Programm.

 

Frage: Wir freuen uns darauf.

 

VIELEN DANK für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Letzte Änderung am Mittwoch, 04.03.2015 - 17:21

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