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„Lost” auf dem Jurasteig II

„Lost” auf dem Jurasteig II

18 Minuten Lesezeit (3565 Worte)

Dass sich Kurier-Reporterin Petra Ostermeier dem südlichen Teil des Jurasteigs stellte, ist knapp zwei Jahre her - hier ist die Reportage zu finden. Nun fand sie, dass es Zeit wurde, den Steig zu beenden. Am zweiten Märzsonntag, 14 Uhr, ging´s los. Ein abenteuerreicher Trip durch die Heimat.

Ich hatte mich von meinem Mann zu dem Punkt fahren lassen, den ich beim letzten Mal erreicht hatte: genau an den Ort am Marktplatz von Dietfurt, an dem er mich beim Letzten Mal abgeholt hatte. Dabei meinte er augenzwinkernd, er würde mich jetzt aussetzen - mal sehen, ob ich den Weg nach Hausen finden würde.


Tatsächlich hatte ich manches Mal, wenn ich mich von Kleinigkeiten hatte ablenken lassen, schon kleine Zweifel daran, dass ich den Weg finden würde. Dann war es wichtig, der Strecke einfach eine Zeitlang zu folgen - schließlich würde sich entweder eine Markierung zeigen oder man musste zurück. Bisher kam ich immer ans nächste Ziel.

Jedenfalls, das Wetter war herrlich. Zehn Grad und strahlender Sonnenschein. Ein wunderbarer Frühlingstag. Dies lockte auch manche Familien und Gelegenheitssportler ins Freie. Dass ich kein Sonntagsnachmittagsausflügler war, konnte man erahnen, spätestens wenn man meinen Rucksack mit dort befestigter Isomatte sah. Meine Ausstattung war ähnlich wie beim letzten Mal. Wenig Wechselwäsche, einige Powerriegel, Kosmetikprodukte auf ein Minimum konzentriert, vorsichtshalber ein Paar leichte Turnschuhe zum Wechseln. Zudem hatte ich diesmal einen kleinen Laptop mit dabei. Einen der leichtesten, die es gibt. Denn zwei Kilo mehr auf dem Rücken sind durchaus spürbar.

Ich war also in Dietfurt gestartet, Richtung Holnstein. Zwar ging ich somit den Jurasteig wieder entgegengesetzt, aber so hatte ich nun mal begonnen und dieses Mal wollte ich so gerne am Ziel zu Hause ankommen! Ich brauchte einige Meter, bis ich meinen Tritt fand und beobachtete, dass hier die Bäume und Sträucher am Wegesrand so zugeschnitten waren, dass es beinahe wie ein natürlicher Tunnel anmutete. Hier begann also mein Weg zu mir und ich ließ den Alltag hinter mir!

Ich marschierte den Jurasteig entlang, entdeckte Schmetterlinge und die ersten Frühjahrsblümchen, zudem umkreisten mich Bussarde hoch in den Lüften und Spechte hämmerten in ihrem Rhythmus.
Etwa bei Unterbürg, kurz bevor ich eine kleine Steinbrücke überqueren musste, traf ich auf einen älteren Herrn, der ebenfalls in Outdoor-Kleidung mit einem leichten Rucksack unterwegs war. Ich sprach ihn an, ob denn der Weg in meine Zielrichtung führte. Das tat er, meinte der Mann, wenn ich über das Wasser käme! Ich bedankte mich höflich und dachte noch bei mir, dass so ein Steinbrücklein doch wirklich keine Herausforderung sein dürfte...

Knöcheltiefes Wasser

Etwa eine Stunde später wusste ich plötzlich, was der Herr gemeint hatte: Direkt bei einer Forellenzucht war der Weg relativ breit und knöcheltief überflutet! Die Schneeschmelze hatte offenbar zu dieser Barrikade geführt. Einige Minuten lang versuchte ich, das Hindernis zu überwinden und dachte dabei schon ans Schuhe ausziehen und Durchwaten, ehe es mir doch noch gelang, ohne nass zu werden.

Bei Erbmühle entschied ich kurzerhand, im Gasthaus Forellenhof zu übernachten. Ein einfaches, aber sehr sauberes Zimmer war meine erste Übernachtungsmöglichkeit inklusive Frühstück. Beim Abendessen unterhielt sich einer der Stammgäste mit mir. Was die Männer allesamt nicht recht verstehen konnten war, dass eine Frau alleine so eine Wanderung machte, wenn es doch mit dem Auto viel schneller geht, von A nach B zu kommen…

Wie nachfolgend jeden Abend meldete ich mich kurz zu Hause und wusch meine Kleidung im Waschbecken, denn Wechselwäsche war schließlich rar. Übrigens hatte ein Socken bereits am ersten Tag ein Loch. Na, zwei Paar hatte ich ja noch dabei!


Nach dem Frühstück brach ich gegen 8.30 Uhr wieder auf. Erst einmal an einigen Wasserbüffeln vorbei, dann ging es steil nach oben, Richtung Holnstein. Es war still im Wald, nur die Vögel zwitscherten bei drei Grad plus. An einigen Stellen lag noch Schnee und Eis. Schon vierzig Minuten später war ich komplett durchgeschwitzt. Das Marschgepäck tat sein Übriges. Dennoch hatte ich noch etwa acht Stunden vor mir!
Irgendwie hatte ich eine kleine Magen-Darm-Verstimmung, oder war es die Anstrengung, vielleicht auch das Leberblümchen, welches ich tags zuvor probiert hatte...

Also behalf ich mir mit frischen Kräutern: Wermut, Brennnessel, Wacholderbeeren und später Wasserminze ließen mich hervorragend über den Tag kommen.

Wieder sah ich majestätisch den Bussard hoch am Himmel kreisen, es schien, als ob er mir den Weg zeigen wollte. Bei einem vernommenen Rascheln glitt mein Blick nach oben in den Wald hinein und drei Rehe standen dort. Sie beobachteten mich, genau wie ich sie. Eine Zeitlang standen wir so da, ehe sie im Unterholz verschwanden. Wieder führte der Weg mich steil nach oben, kaum dass ich eine Verschnaufpause auf gerader Strecke zurückgelegt hatte. An der Marienquelle bei Hermannsberg füllte ich meine Wasserflasche auf.

In Simbach kam ich an einem Bauernhof vorbei. Eine ältere Dame bemerkte, dass ich wohl die erste Wanderin in diesem Jahr sei. Ob ich den Jurasteig alleine ginge? Als ich bejahte, lud sie mich kurzerhand zu Kaffee und Kuchen ein. Sie wollte hören, wie es mir erginge, weil sie selbst davon träumte, einmal die Strecke zu gehen. Als ich mich verabschiedete, meinte die Frau, sie würde vielleicht doch noch, zusammen mit ihrem Hund, den Jurasteig wagen, dann sei sie nicht alleine.

Gegen 17.15 Uhr kam ich endlich an meinem Etappenziel im Gasthof „Zum Hahnenwirt“ in Deining an... der eigentlich Ruhetag hatte. Aber da glücklicherweise auch Monteure als Übernachtungsgäste im Haus waren, konne ich ein Zimmer haben. Ich war froh, denn meine Beine schmerzten. Beim Abendessen erzählte der Wirt, dass ich Glück gehabt hatte - normalerweise wäre am Ruhetag die Haupteingangstüre nämlich immer zugesperrt. Es war reiner Zufall, dass sie gerade in diesem Augenblick, als ich ankam, nicht verschlossen war.

Es gab Frühstücksbuffet am Folgetag und ich durfte mir noch eine Brotzeitsemmel machen.

Gegen 8.00 Uhr war ich startklar und ging in den -2°C kalten Morgen hinaus. Aber die Sonne schien, sie versprach einen schönen Tag.
In Rothenfels hatte ich kurzfristig meine Orientierung verloren. Ein Bauarbeiter gab mir aber bereitwillig Auskunft. Im nächsten Dorf sprach mich ein alter Mann an, ob es denn nicht langweilig wäre, so allein. Ich entgegnete, dass ich für mich viel erblickte und gerne mit Leuten ins Gespräch komme, außerdem wäre ich sicherlich gut beschützt von ganz weit oben.

Ich war bereits an einem Rotwildgehege vorbei gekommen, hatte wiederum einen Energieriegel verspeist und überlegte, dass mir die Dinger sicherlich nicht reichen würden, wenn ich mit meinem Vorrat so freizügig umginge. Am rechten Zehenballen würde ich außerdem wohl eine Blase bekommen.

 

Die Streckenabschnitte, auf denen die Sonne schien, waren mir mit Jacke viel zu warm. Ich zog diese aus und krempelte die Ärmel meines Shirts hoch. Dann aber kamen wieder Abschnitte, wo den ganzen Tag kein Sonnenlicht hinkam, noch Schnee und Eis lag. Also zog ich die Jacke wieder an … so beschäftige ich mich selbst.

Ich kam noch an den Felsenkellern bei Deusmauer vorbei. Anschließend musste ich ein ganzes Stück an einem monotonen Radweg entlang laufen, ich hatte schon die Befürchtung, ich hätte eine Abzweigung verpasst, dann endlich wieder ein Jurasteig-Bickerl. Der reizlose Radweg direkt an einer Kreisstraße war nicht mein Ding, außerdem blies der Wind derartig, dass ich die Kapuze aufsetzte, um die Ohren zu schützen.

Im Zickzackkurs

Eigentlich wollte zwar der selbsterfüllenden Prophezeiung keinen Raum geben, dass der dritte Tag immer der schwierigste ist - aber es wurde immer entsetzlicher. Die Sache mit meinem Zeitplan glitt mir förmlich aus der Hand. Daher beschloss ich gegen 15 Uhr, mir eine Wirtschaft zu suchen, um einen Kaffee zu trinken und Kuchen zu bestellen. Also fragte mehrmals nach dem Weg. Vielleicht verstand ich die Leute falsch?

Jedenfalls fand ich kein Gasthaus und irrte zwischen Unter- und Oberwiesenacker im Zickzackkurs umher. Dann beschloss ich, auf meine Erholung zu verzichten und sofort dem Jurasteig Richtung Habsberg zu folgen, wo eine Unterkunftsmöglichkeit in meiner zwei Jahre alten Karte eingezeichnet war. Quer über den Schanzberg, irgendwo im Nirgendwo, marschierte ich dem Sonnenuntergang entgegen.

Ich schleppte mich noch den blöden Habsberg hoch, mittlerweile hatte ich eine ganze Stunde vertan und,  was sollte ich sagen: Ich war an der verflixten Wallfahrtskapelle angekommen, um dort festzustellen, dass eine Übernachtung nur für Gruppen möglich war. Alle Überredungskunst half nichts. Der Wirt meinte nur, wenn ich mich beeilen würde, könnte ich es noch vor Einbruch der Dunkelheit zum nächsten Gasthaus schaffen.
Ich hätte eine Stunde zurück gebraucht…

In meiner Verzweiflung rief ich den Landgasthof Feihl an. Die Wirtin hatte nur noch ein Zimmer frei, weil jemand abgesagt hatte und es lag auch noch im Privatbereich des Hauses. Daher wollten sie es eigentlich nicht so gerne vermieten, aber bei mir würde sie auf jeden Fall eine Ausnahme machen. Bei Wanderern sei sie immer großzügig, weil sie wisse, dass es weit und breit keine andere Unterkunft gebe. Ich war heilfroh! Die Wirtin schickte auch sofort ihren Sohn los, der mich mit dem Auto abholte. Ich war also wieder auf dem Weg nach Oberwiesenacker.

Christiliche Tugenden...

Drei Dinge hatte ich an jenem Tag gelernt:    

1. Vertraue deiner Intuition mehr, als irgendwelchen Plänen. Denn wäre ich meiner Intuition gefolgt, hätte ich mir einen Kaffee gekauft, ich wäre mit den Wirtsleuten sicher ins Reden gekommen und sie hätten mir gesagt, dass ich im Umkreis von ca. 10 Kilometern keine Übernachtungsmöglichkeit mehr finden würde.

2. Vertraue auf Gott, aber vertraue dabei nicht auf die Institution der kirchlichen Angestellten. Die haben ihre selbstauferlegten Vorgaben und rücken kein Stück davon ab. Gelebte Nächstenliebe ist anders.

3. Sag niemals nie! Ich wollte nach dem Zickzackkurs nie mehr etwas mit Unter- und Oberwiesenacker zu tun haben - und nun war ich heilfroh, dass ich dort übernachten konnte!
In dieser Nacht hatte ich zum ersten Mal durchgeschlafen. Der Regen, der dabei auf das Dachfenster klopfte, störte mich nicht weiter! Nach dem Frühstück fuhr der Wirt mich sogar an den tags zuvor erreichten Etappenabschnitt zurück, von wo aus ich weiter starten konnte, damit ich den ganzen Weg nicht noch einmal laufen musste. Es hatte 3°C, die Sonne schien immer wieder durch die Wolkendecke und es war für den Nachmittag ein schöner Tag angesagt. An den Beinen fror es mich, wahrscheinlich kam die ganze Anstrengung der letzten Tage, die zusätzlich in meinen Muskeln saß, dazu.

Einmal hatte ich wohl eine Abzweigung vom Jurasteig verpasst. Es dauerte einige Zeit, bis mir dieses Versehen auffiel. Als ich meine Landkarte auspackte, kam ein älterer Autofahrer die Straße entlang. Ich hielt ihn an und er erklärte die Wegführung nach Hohenburg. Fakt war, ich war falsch abgebogen und musste in die entgegengesetzte Richtung, dann würde ich auch wieder auf den Jurasteig kommen. Ich fand bald die Beschilderung wieder.
Mittags hatte ich endlich einmal die Isomatte ausgepackt und mich eine Viertel Stunde auf eine Wiese in die Sonne gelegt. Kraft tanken, das hatte ich bisher nicht gemacht, obwohl die Tage vorher sogar noch sonniger gewesen wären. Heute hatte es 8°C.

Bald kam ich an einem Hinweisschild vorbei: Nach Hohenburg nur noch 4,5 Kilometer, also etwa 40 Minuten. Das Ziel vor Augen, hatte ich gerade noch einmal Energie getankt, mit einem Powerriegel und dem letzten Schluck Wasser aus meiner Flasche. Es war früher Nachmittag und die letzten Kilometer zogen sich mal wieder entsetzlich lang.

Endlich kam ich gegen 15.35 Uhr in Hohenburg an, fragte zwei Männer nach einer Übernachtungsmöglichkeit und sie schickten mich nach Stettkirchen, etwa drei Kilometer hinter Hohenburg.
„Betriebsurlaub”

Um 16.15 Uhr endlich dort, las ich ein Schild: „Betriebsurlaub“. Irgendwie schien ich ein Problem mit dem Ankommen zu haben. Die Pension Stauber in Hohenburg war meine Rettung. Ich erreichte sie kurz vor 17 Uhr. Außer einer Metzgerei am Marktplatz hatten am Mittwochnachmittag alle Geschäfte geschlossen. Also nur schnell den Rucksack abgestellt, zur Toilette gegangen, einen Schluck Leitungswasser getrunken und dann Richtung Marktplatz in die Metzgerei marschiert, um zu einem Abendessen zu kommen.

Ich meldete mich telefonisch bei meinem Vater und berichtete ihm, dass es mir gut ginge. Ansonsten hielt ich nur täglichen Kontakt zu meinem Mann, damit dieser wusste, wo ich mich gerade herumtrieb. Nach dem Duschen packte ich meinen Laptop aus und wollte nur kurz die Augen schließen, bevor ich meine Erlebnisse des Tages niederschreiben wollte. Doch dazu kam es nicht. Ich schlief zehn Stunden durch. Meine Lippen waren aufgesprungen, fühlten sich an wie Reibeisen und die Hautteilchen lösten sich in Fetzen. Jedenfalls versorgte ich mich noch mit Belladonna, bevor ich - gestärkt und wiederum mit Proviant versorgt - bei 0 °C Außentemperatur nach Schmidmühlen aufbrach.

Zum ersten Mal an diesem Tag stellte ich fest, dass der Militärstützpunkt Hohenfels wohl die Handyverbindungen blockierte, da dachte ich mir noch nichts. Frisch ausgeruht kam mir die Strecke  nach Stettkirchen nicht einmal halb so lang vor, als am Nachmittag zuvor.

Ein Künstler hatte wohl auf seinem Weg Richtung Schmidmühlen auf einem Felsen einige Steinmännchen gebaut. Mir gefiel der Gedanke, gerade jetzt etwas Neues zu erbauen, wo ich doch auch beruflich eine neue Richtung einschlagen würde und ich schlichtete auch eines aus vielen Steinen bestehend, in die Höhe. Dabei erinnerte ich mich an Erich Kästner’s Worte: „Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen!“

In Brunnhof fragte ich einen jungen Bauern nach dem Weg, denn der Jurasteig machte eine riesige Schlaufe um einen Berg herum. Er meinte, dass ich entlang der Kreisstraße dem Wacholderwanderweg folgen könnte, um so direkt nach Schmidmühlen zu kommen. Auf das Stichwort „entlang der Kreisstraße“ hätte ich besser achten sollen, denn bald war der Wacholderwanderweg zu Ende, bzw. führte genau dorthin, wo der Jurasteig seinen Haken machte und ich marschierte tatsächlich neben der stark befahrenen Straße her.

Zwischen Straße und Zaun waren nur ein wenig dichter Wald mit noch dichteren Schlehen- und Brombeersträuchern, die alle mit genügend Dornen ausgestattet waren. Ich folgte einem ganz schmalen Wildpfad, doch Rehe sind eindeutig kleiner und wendiger als ich. Dabei hatte ich mir schon einmal geschworen, keine Abkürzung mehr gehen zu wollen - und nun war ich wieder soweit! Ruhiger und schöner wäre sicherlich der Jurasteig verlaufen, aber ab und zu muss man vielleicht doch die ausgetretenen Pfade verlassen, dachte ich bei mir. Nur kleine unbedeutende Kratzer zeugten von meinem Durchschlupf durch das Unterholz. Durchgeschwitzt war ich auch wieder einmal. Auf meiner Wanderschaft hatte wohl jede einzelne Pore gelernt, Schweiß zu produzieren.

Eine Stunde, nachdem ich den Jurasteig für eine Abkürzung, die ich niemandem empfehlen kann, verlassen hatte, war ich wieder auf meiner eigentlichen, beschilderten Strecke. Die Sonne schien, ich ging am Fußballplatz bei Schmidmühlen entlang. So entschied ich mich für eine Rast. Es war circa 12.45 Uhr, Zeit zum Brotzeit machen. Für ein Tagesziel wäre es noch zu früh, dachte ich bei mir... nicht wissend, was später auf mich zukommen würde!

Endlich sah ich eine Ortschaft, es war Lanzenried. Nun war Dietldorf nicht mehr allzu weit weg. Ich erreichte eine Tafel, auf der stand: Nach Dietldorf 14,3 Kilometer. Das konnte nicht sein, ich dürfte doch höchstens noch eine dreiviertel Stunde brauchen? Ein Blick auf meine Wanderkarte zeigte mir den Schlaufenweg Nummer 3 nach Burglengenfeld. Dieser war wohl gemeint mit der Kilometerangabe.

Ich dachte noch bei mir, ich könnte meinen Vater in Burglengenfeld besuchen, bei ihm übernachten und morgen von dort aus meinen Heimweg antreten. Von der Tageszeit her könnte ich es schaffen, entschied mich dann aber doch für den ursprünglich geplanten Weg. Ich würde das Ziel Dietldorf gegen 16.30 Uhr erreichen und hoffte, dass ich bald wieder ein schönes Zimmer bekommen würde. Mit der Zeit war ich genau hingekommen, nur nicht mit der Übernachtung.

Im ersten Gasthof hatte man kein Zimmer für mich, das Haus sei komplett an Monteure vermietet. Die Wirtin erklärte mir den Weg zum nächsten Wirtshaus im Dorf. Dieses war offen, aber niemand war da. Ich klingelte, lief um das Haus. Endlich sah ich eine Frau und fragte diese nach einem Zimmer. Sie schien nicht sonderlich interessiert, meinte nur, sie hätte nichts. Ich sprach Personen, an denen ich vorbeikam, auf eventuelle private Unterkünfte an -  aber ohne Erfolg. „Aber wenn Sie dem Radweg folgen, kommt alle zwei Kilometer eine Ortschaft“, meinten zwei Männer.

Ich hatte mit dem Blödsinn wieder eine halbe Stunde vertrödelt. In 1,5 Stunden würde es dunkel werden und ich hatte noch sieben Kilometer nach Kallmünz vor mir.
Oder ich ging in die entgegengesetzte Richtung zurück nach Schmidmühlen und würde vielleicht in Emhof, auf halber Strecke, eine Übernachtungsmöglichkeit finden? Ich wollte nicht wieder zurückgehen und folgte dem Radweg. Es dauerte etwas, bis ich feststellen musste, dass ich hier, neben dem Grenzgebiet zur US-Army kein Netz für mein Mobiltelefon hatte, um meinen Mann zu informieren. Ich trottete dahin und wurde dabei immer schneller, obwohl die acht Kilo Gepäck auf meinem Rücken mittlerweile meine Schultern ermüden ließen.

Gegen 17.30 Uhr erreichte ich Rohrbach. Ich befragte fußballspielende Kinder. Sie schickten mich wieder weiter, Richtung Kallmünz. Vierzig Minuten später war ich in Traidendorf - und hatte wieder kein Glück. Zwar war das Hammerschloss eine Einkehrstation mit Übernachtungsmöglichkeit, aber die Wirtin war ausgeflogen. Eine Vorbeikommende meinte, während der Wintermonate sei das Schloss nicht regelmäßig geöffnet. Es blieb mir nichts anderes übrig, als weiter nach Kallmünz zu laufen.
Es war schließlich 18.30 Uhr, als ich endlich am Ortsschild vorbei kam – und dunkel.

Wieder fragte ich die ersten Menschen nach Übernachtungsmöglichkeiten: Ich solle es im Touristeninformationsbüro probieren, das würde zwar um 18 Uhr schließen, aber meistens erreicht man noch länger jemanden. Frau Donauer war auch sehr hilfsbereit. Sie hatte zwar einen Termin und musste dringend weg, dennoch telefonierte sie eilig einige Pensionen für mich ab. Nirgends ein Zimmer frei.
Ich nahm die Karte mit den ganzen Einkehrstationen und fragte noch einige, die auf dem Weg waren. Immer das Gleiche. Am liebsten hätte ich geheult. Ich war nun zehn Stunden auf den Beinen, hatte die letzten acht Kilometer einen Spurt hingelegt, um noch wenigstens im Dämmerlicht anzukommen, war am Ende meiner Kräfte und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die letzte Pensionswirtin, welche mir wiederum mitteilte, dass auch ihre Zimmer alle ausgebucht waren, hätte mir eine Tasse Tee angeboten, um mich wenigstens aufzuwärmen. Es war gut gemeint, aber ich wollte keinen Tee, ich wollte ein Zimmer und lehnte dankend ab.

Ich telefonierte mit meinem Mann, er meinte, er würde mich abholen. Wir machten einen Treffpunkt in einer Pizzeria aus, wo ich auf ihn warten würde. Dort könnten wir noch etwas essen, bevor ich mit ihm nach Hause fahren würde. Ich war kaum noch in der Lage, einen Meter zu gehen, es gab keinen Muskel mehr, in meinem Körper, der nicht schmerzte. Zu Hause angekommen duschte ich mich und ging sofort ins Bett. Etwa zwölf Kilometer vor meinem Ziel ein solches Chaos... Ich war maßlos enttäuscht.

Am nächsten Morgen sah ich alles etwas klarer. Ich ließ mich um kurz vor 8 Uhr morgens bei minus 1 °C von meinem Mann nach Kallmünz zurück fahren und würde auch die letzte Strecke noch zu Fuß nach Hause gehen. Die Schmerzen waren nur auf den ersten hundert Metern heftig, dann wurde es besser, ich fand wieder meinen Rhythmus – und wenige Augenblicke später auch wieder die Jurasteig-Zeichen.
An Wegesrand stand eine kleine Mariengrotte und ich musste schmunzeln, weil wohl kleine Nager diese als Vorratskammer nutzten. Maria hätte bestimmt ihre Freude daran, dachte ich bei mir. Heute war mein Tag für Ruhe und Phantasie, bemerkte ich. Ich nahm mir Zeit für mich. Eile war gegenwärtig ein Fremdwort, da ich wusste, in jedem Fall mein Ziel zu erreichen.

Weiter führte meine Strecke zwischen Dallackenried und Heitzenhofen durch den Wald. Vogelgezwitscher begleitete mich. Plötzlich ein Rascheln. Ich blieb stehen und beobachtete das emsige Spiel zweier Eichhörnchen, welche so mit sich und der Vorratssuche beschäftigt waren, dass sie mich kaum bemerken. Einige Meter weiter beobachte ich zwei Feldhasen, es waren wohl eher zwei Waldhasen, dachte ich noch bei mir, bevor diese vor meinen wieder einsetzenden Schritten Reißaus nahmen.


Diese Träumereien hielten so lange an, bis ich an die Verkehrsstraße bei Heitzenhofen kam. Immer, wenn mein Verstand sich einschaltete, spielte der mir Streiche. Eigentlich kannte ich ja den Streckenverlauf von hier aus Richtung Heimat.
Vielleicht war genau dies der Grund, warum ich einige Male hin und her lief, um mich letzten Endes dafür zu entscheiden, dass ich gleich über die Brücke musste, um dann erst einmal den Radweg nach Kleinduggendorf zu folgen.
Ich bekam kurzfristig eine Einladung zum Mittagessen von meiner Schwester, an deren Haus ich auf meinen letzten Metern nach Wolfsegg vorbei kommen würde. Dennoch wollte ich in meinem Tempo weiter wandern, auch wenn ich es bis zur Mittagszeit nicht ganz schaffen würde. Der heutige Tag war so ruhig, ein schöner Ausklang für die vergangenen turbulenten Zeiten.

Gegen 13.30 Uhr lief ich in die Zielgerade nach Wolfsegg ein und bei einem warmen Mittagessen fragten mich die Kinder meiner Schwester aus, die nicht verstehen konnten, wie man tagelang nur wandern will.
Anschließend klingelte ich bei einem Freund, der vor meinem Reiseantritt meinte, er wolle die letzten Meter mit mir einlaufen, was er nun auch tat. Als Abschluss vergrub ich die Eichel, die ich fast zwei Jahre lang in meiner Tasche aufgehoben hatte. Sie war mit einst auf dem ersten Teil der Strecke, kurz vor Kelheim, vor die Füße gefallen, als ich überlegte, alleine weiter zu gehen oder aufzugeben. Ich hatte es damals der Eichel und mir selbst versprochen: Würde ich es schaffen, alleine durchzuhalten, so würde ich die Eichel vergraben – vielleicht will daraus ein kräftiger stolzer Baum werden?

Insgesamt habe ich für mich erkannt, dass immer, wenn ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich nicht weiter wusste, ein Bussard mir den Weg zeigte – auch wenn es verrückt klingen mag. Ich hatte sehr viele Tiere gesehen und den Blick für die Natur noch erweitert. Und ich habe erkannt: Ich darf mir hin und wieder eine Pause gönnen!

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