Anzeige
Schwester Erika packt aus

Schwester Erika packt aus

6 Minuten Lesezeit (1254 Worte)

Bild: georgerudy / fotolia.de

Erika ist gut in ihrem Job. Sie macht ihn auch schon seit 15 Jahren. Wenn sie morgens um 5.30 Uhr auf den Parkplatz der großen Klinik mitten in der Oberpfalz einbiegt, hat sie dennoch Angst vor dem bevorstehenden Dienst. Schon die Nacht über hat sie schlecht geschlafen. Und viele Nächte zuvor. Sie weiß: trotz aller Erfahrung und ihres großen Talents für den Beruf der Krankenschwester steht sie vor einer schier unlösbaren Aufgabe.

 

„Du löst die Probleme dann halt doch irgendwie. Und bist Dir aber nie sicher, ob es auch morgen wieder hinhaut. Oder ob es zu einer großen Katastrophe kommt. Das schlaucht Dich einfach. Du schaltest keine Minute mehr ab, auch nicht nach Feierabend“, sagt Erika. Und erzählt von diesem Frühdienst. Stichpunktartig, im Stakkato. Wie gehetzt, auf der Flucht. Wir sitzen in einem kleinen Café, Erika rührt in der Tasse. Immer wieder blickt sie sich um – was sie mir jetzt aus ihrem Berufsalltag erzählen wird, kann sie den Kopf kosten. Wenn ihre Vorgesetzten erfahren, wer da „geplaudert“ hat.

Zwölf geriatrische Menschen warten morgens auf Erika. Die Begrüßung verkommt zum stereotypen, hastigen Ritual. Waschen, mobilisieren, anziehen. Die Uhr tickt. In 45 Minuten kommt das Frühstück, dann müssen alle fertig sein. „Du läufst und läufst und läufst, aber die Uhr ist immer schneller.“ Erika wirkt müde. Die Ganzkörperpflege, die eigentlich angesagt wäre, ist in diesem Rahmen nicht möglich. „Du kaschierst das bei den Patienten mit Humor. Du sagst: Wir waschen heute nur die beiden Gesichter, sonst werden wir nicht fertig. Mundpflege oder Intimpflege nach geltenden Pflegestandards: Das geht nur in Ausnahmefällen.“ Hände desinfizieren? Nur wenn Zeit dafür ist...

Wenn Erika oder ihre Kolleginnen infektiöse Patienten versorgen müssen, sind sie dazu angehalten, hygienische Schutzkleidung anzulegen. „Machen wir nicht immer, dauert zu lange“, sagt Erika, die in Wirklichkeit anders heißt. Die Klinikleitung weiß Bescheid, inoffiziell zumindest, kümmert sich aber nicht darum, solange der Laden läuft und die Zahlen stimmen.

Wer ständig in einem pflegenden Beruf überfordert wird, der entwickelt zwangsläufig entweder Groll auf seine Schützlinge oder schlechtes Gewissen ihnen gegenüber – weil der helfende Mensch dazu neigt, die Schuld bei sich zu suchen. Erika gehört zu Letzteren. Schuldig fühlt sie sich auch gegenüber den Auszubildenden. „Die Uhr tickt. Statt den Azubis ordentlich etwas zu erklären, sagst Du einfach: Das schaffst Du schon, und lässt sie machen, sprichst ein stummes Gebet, dass nichts schief geht.“

Herr Mayer (Name geändert) sitzt halbnackt am Waschbecken, als Erika von ihrer Kollegin zu Hilfe gerufen wird. 20 Minuten sind die beiden Schwestern mit Hochdruck mit einer Patientin beschäftigt, die unter schwerer Demenz leidet. Wie Herr Mayer auch. Als Erika zurück kommt, sitzt er Gottseidank noch vor dem Waschbecken. Nun hofft sie, dass sich der alte Mann selbst gewaschen hat. Wissen kann sie es nicht. Herr Mayer hat das längst vergessen.

Die Dauerbelastung führt Fehler herbei. „Medikamenteneingabe! Vergessen!“, saust es durch Erikas Kopf. Der Laufschritt ist die normale Fortbewegungsart. Personal fehlt an allen Ecken und Enden. Erika hat genug und schreibt einen Versetzungsantrag, da Sie hofft es wird in einer anderen Abteilung besser.

Jetzt gehört zu ihrer Schicht die Betreuung von vier Intensiv- und zehn weiteren Patienten. Erika müsste bei denen jetzt Vitalzeichen messen. Keine Zeit. Ebenso wenig wie für die ärztlichen Anordnungen aus der Visite. Darum wird sich der Nachtdienst kümmern müssen. Dadurch verzögern sich die medizinischen Maßnahmen um einen Tag. Erika klingt immer schuldbewusster. Obwohl die intelligente junge Frau weiß: Es liegt ja nicht an ihr. Es liegt daran, dass die Krankenhäuser zu wenige wie sie beschäftigen.

Der Mangel geht zu ihren Lasten, er geht aber auch zu Lasten der Patientenversorgung. „Pillen, die sie nüchtern nehmen sollten, werden ihnen von uns gesammelt mit anderen Tabletten nach dem Frühstück verabreicht – so geht das schneller“, sagt die Schwester. Schmerzmittel vor Verbandswechsel? „Geben wir nicht, weil wir keine Zeit haben zu warten, ehe die Wirkung eintritt“. Erika hat sich jetzt in Rage geredet. Sie schaut sich auch seltener um in dem Café.

Sie geht generell lieber in den Spät- als in den Frühdienst und nimmt in Kauf weniger Zeit mit ihrer Tochter zu haben.Aber auch dort zwingt der akute Mangel an Pflegekräften zu faulen Kompromissen. „Aber morgens ist bei mir das Gefühl der Hilflosigkeit größer“, sagt sie. Abends bekommen die Patienten gerne Pudding verabreicht. „Das geht schneller als Brote schmieren. Zu zweit sind wir für 30 Patienten zuständig.“

Die zwei Kolleginnen sollten diese 30 Menschen mobilisieren – das bleibt auf der Strecke. „Alleine schaffst Du das schon wegen des Gewichts oft gar nicht“, weiß Erika. Patienten- und Angehörigengespräche? Die machen zusätzlichen Stress, weil die Zeit hinterher woanders fehlt. Dann werden Maßnahmen in die Patientenkarteien eingetragen, die gar nicht erfolgt sind. „Völlig üblich“, sagt Erika. „Ich bin wirklich gewissenhaft, aber auch mir passiert es immer wieder, dass ich einen Patienten auf der Toilette vergesse.“

Statt der gesetzlich vorgeschriebenen Pause, die zwar dokumentiert, aber nicht genommen wird, füllt Erika die Tablettenschalen für morgen. So wirklich dabei bleiben kann sie aber nicht, immer wieder wird sie weggerufen und muss einen Patienten zur Toilette bringen, einen Tropf wechseln oder eine unangenehme Überraschung beseitigen.

In der Nachtschicht bietet sich ein ähnliches Bild. Normalerwiese sollten die Patienten alle zwei Stunden umgelagert werden. „Wir sind froh, wenn wir das zwei Mal pro Nacht schaffen“, erklärt Erika. Nacht-Antibiotika, Kontrollgänge: man kann im Dauerstress so schnell so wichtige Sachen vergessen.

Eine Schwester muss alleine bis zu 40 Patienten „betreuen“. Brennt nebenan der Baum, muss sie die Station verwaist zurücklassen. Schwierige Patienten? „Manchmal fixieren wir sie, wenn sie sonst Gefahr laufen würden, zu stürzen. Ohne richterliche Anordnung. Weil es nicht anders geht.“ Der Kaffee in dem Glas muss inzwischen kalt sein. Erika nimmt sich nicht die Zeit, ihn zu trinken. Sie erzählt weiter vom Nachtdienst.

Was sagt das Gesundheitsministerium (im Bild Ressortchefin Melanie Huml, Bildrechte: Ministerium)? Die Antworten lesen Sie HIER

Wenn weder Früh- noch Spätdienst dazu gekommen sind, die Ein- und Ausfuhrbilanz eines Patienten zu erstellen, dann schätzt die Nachtschicht auf Basis der Werte vom Vortag – nur, damit in der Akte etwas drin steht. Ein Schmu, der die Patienten teuer zu stehen kommen kann.

Dass in dieser Situation von Gesprächen mit Sterbenden, besonderer Körperpflege, Fußpflege und kleinen Höflichkeiten nur geträumt werden kann, macht Erika wütend. „Das wollen meine Kolleginnen und ich den Menschen gerne geben, aber wir werden behandelt wie Nutzvieh im Stall“, schimpft sie.

Erika ist alleinerziehend, organisiert ihr Berufsleben mit Hilfe der Oma, die im selben Haus wohnt. Anders würde es nicht gehen. Aus Angst um den Job hat sie Jahre lang geschwiegen. „Die Situation ist immer unhaltbarer geworden“, sagt sie. Nun ist das Maß voll für Erika. Sich wieder versetzen lassen oder in einer anderen Klinik bewerben, hat auch keinen Sinn. Wir müssen gemeinsam was ändern. Deshalb arbeitet Sie jetzt aktiv bei der Gewerkschaft mit, ein Betriebsrat ist in der Vorbereitung. Sie will, dass unsere Leser „einfach mal mitkriegen, was sich in Wirklichkeit im Krankenhaus abspielt“.

Geld für mehr Pflegekräfte wäre genügend vorhanden, davon ist sie überzeugt. Rekord-Überschüsse bei den Krankenkassen, Privat-Unternehmen mit teuerem Management und Aktien-Kursen sowie eingefrorene Arbeitgeber-Beiträge, dazu Zuzahlungen an allen Ecken und Enden: „Es geht nicht darum, den Standort Deutschland zu sichern, sondern darum, eine kleine reiche Clique immer noch reicher zu machen - auf Kosten der Gesundheit und des Lebens von Millionen Kassenpatienten“, ist sich Erika sicher. Am 17. Juni war sie daher  bei der großen Pflege-Demo in Regensburg. Und sie hat schon drei ihrer Kolleginnen davon überzeugen können, ebenfalls mitzukommen.

Was sind Ihre persönlichen
Erfahrungen in
Krankenhäusern, sei
es als Patient/in oder
Beschäftigte/r? Schreiben
Sie uns bitte an
redaktion@ostbayernkurier.de

 Auf Wunsch
werden Einsendungen
anonym behandelt.

Anzeige

Updates abonnieren Abo beenden Drucken

Ähnliche Beiträge

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://www.ostbayern-kurier.de/

Region Schwandorf

03. Dezember 2020
Kreis Schwandorf. Mit zwei Todesfällen, die am Donnerstag zu vermelden sind, steigt die Zahl der mit und an SARS-CoV-2 verstorbenen Personen im Landkreis auf 30. Verstorben sind zwei Frauen im Alter von 92 und 93 Jahren, die in verschiedenen Heimen g...
03. Dezember 2020
Teublitz. Ein bislang unbekannter Täter hat von Dienstag auf Mittwoch in der Wiese vor dem Mehrgenerationenhaus in der Rötlsteinstraße eine Tanne abgebrochen und die angebrachte Lichterkette zerrissen. ...
03. Dezember 2020
Nittenau. Die Bauarbeiten im Ortsteil Kaspeltshub werden über die Wintermonate eingestellt und im Frühjahr 2021 wiederaufgenommen. Die Ortsdurchfahrt St2145 ist deshalb bis zum Baubeginn im Frühjahr für den Verkehr befahrbar. Die Staatstraße wird am ...
02. Dezember 2020
Kreis Schwandorf. Das Robert-Koch-Instituts (RKI) und das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) erfassen die Corona-Infektionszahlen mit unterschiedlichen tageszeitlichen Abgrenzungen. Zum Stand Mittwoch, 0 Uhr, meldet das RKI sie...
02. Dezember 2020
Nittenau. Wenn man den Johanniter-Kinderhort „Weltenbummler" betritt, wird man schon im Eingangsbereich in vielen verschiedenen Sprachen begrüßt, und zwar von Postern, die an den Wänden hängen. Sehr schnell merkt man: Integration wird hier großgeschr...
02. Dezember 2020
Kreis Schwandorf. In den vergangenen sieben Tagen sind im Gesundheitsamt für den Landkreis Schwandorf 280 neue Corona-Fälle aufgelaufen, die sich auf die Gemeinden wie folgt verteilen:...
Anzeige

Amberg, Sulzbach-Rosenberg

03. Dezember 2020
Amberg-Sulzbach. Seit dem 25. November sind im Gesundheitsamt Amberg 244 neue Fälle aufgelaufen, die sich auf die Gemeinden im Landkreis Amberg-Sulzbach wie folgt verteilen: ...
01. Dezember 2020
Oberpfalz. In der Oberpfalz herrschten am Morgen winterliche Verhältnisse, die auch zu einem leicht erhöhten Verkehrsunfallaufkommen führten. Die Polizei gibt Verkehrsteilnehmern Tipps zur Sicherheit....
30. November 2020
Ostbayern. Der Johanniter-Weihnachtstrucker findet auch 2020 statt. „Gerade jetzt, wo das Leben aller so stark durch die Coronavirus-Pandemie geprägt ist, wollen wir den Menschen helfen, die auf Grund ihrer ohnehin schon schwierigen Lebenssituation d...
28. November 2020
Ostbayern. (Advertorial) Das Haus in Sarching liegt etwas zurückgesetzt von der Straße, und schon von weitem lächelt der reife Herr freundlich zu. Im Gespräch meint er schelmisch: „Jetzt habe ich einen Knopf, wo immer sofort eine junge Frau zu mir ko...
24. November 2020
Amberg-Sulzbach. Das Landratsamt Amberg-Sulzbach hat die aktuellen Coronazahlen, aufgeschlüsselt auf die einzelnen Gemeinden im Landkreis, veröffentlicht. Die Entwicklung ist nach wie vor dynamisch. In den vergangenen 11 Tagen, seit der letzten Über...
24. November 2020
Amberg. Bei einem Brand am 24.11.2020 entstand im Gesamten an mehreren Firmengebäuden ein Millionenschaden. Die Kriminalpolizeiinspektion Amberg hat die Ermittlungen übernommen. ...

Ähnliche Artikel

30. April 2020
Region
{loadmodule mod_banners, Eigenanzeige Bauen und Wohnen} Wegen Verstößen gegen die Ausgangsbeschränkung fertigten die Beamten 40 Anzeigen aus. Bei 220 Kontrollen der Tragepflicht von Masken in Ladenges...
14. April 2020
Region
{loadmodule mod_banners, Eigenanzeige Bauen und Wohnen} Im Zeitraum von Karfreitag, 6.00 Uhr, bis Ostermontag, 06.00 Uhr, mussten in der Oberpfalz knapp über 380 Anzeigen wegen verschiedener Verstöße ...
27. April 2020
Region
Schwandorf
{loadmodule mod_banners, Eigenanzeige Bauen und Wohnen} War vor zweieinhalb Jahren noch der Schwandorfer Oberbürgermeister Andreas Feller der ranghöchste Politiker am Spatenstiel, so kam die rund fünf...
30. April 2020
Region
Schwandorf
Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie befindet sich zudem gerade in der Weiterbildung zur „Speziellen Unfallchirurgie". Dr. Ottinger, ein gebürtiger Augsburger, ist nach seinem Medizinstudiu...
06. April 2020
Region
Im Zeitraum von Freitag, 3. April 2020, 06.00 Uhr, bis Montag, 6. April 2020, 06.00 Uhr, mussten in der Oberpfalz knapp über 400 Anzeigen wegen verschiedener Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkung ge...
29. April 2020
Region
{loadmodule mod_banners, Eigenanzeige Bauen und Wohnen} Wegen Verstößen gegen die Ausgangsbeschränkung mussten 35 Anzeigen gefertigt werden. Bei über 200 Kontrollen der Tragepflicht von Masken in Lade...

Für Sie ausgewählt